Samstag, 11. April 2015

Stand der Germanwings-Copilot unter Antidepressiva ?

Mediziner wegen Lubitz" Diagnose unter Druck (Bild: APA/EPA/FOTO-TEAM-MUELLER, AP)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 




In den letzten Tagen wurde viel in den Medien über die psychische Verfassung des Germanwings Copiloten Andreas L. vor dem Absturz  berichtet, der die Maschine wohl absichtlich gegen einen Berg geflogen und 150 Menschen mit in den Tod genommen hat.
Wie es scheint, hat er zuletzt fast verzweifelt immer wieder neue Ärzte aufgesucht, um seine  psychische Krankheit zu heilen und seine Fluglizenz nicht zu verlieren. Den Berichten zufolge hat er auch Psychopharmaka, unter anderem Lorazepam,  ein Mittel gegen Angstzuständen, und Antidepressiva eingenommen.
Worüber aber in der deutschen Öffentlichkeit kaum bzw. gar nicht  in den Medien diskutiert wird, ist die Frage, ob die Gewalttat möglicherweise durch die Medikamente, die er einnahm, ausgelöst wurde. Denn auch wenn er den Absturz geplant hat und sich im Internet nach Methoden der Selbsttötung und dem Mechanismus von Cockpittüren informiert hat, so braucht es doch immer noch einen Impuls, dies auch in die Tat umzusetzen und der kann durch die Medikation ausgelöst worden sein.
Da Andreas L. bei mehren Ärzten in Behandlung war, wird er sehr wahrscheinlich auch ein SSRI- Antidepressiva erhalten haben, denn die sind heutzutage die Standardtherapie gegen Depressionen.
Eine Nebenwirkung der SSRI-Antidepressiva ist aber - und hiervor wird seit Ende 2005 auch in der Packungsbeilage gewarnt - , dass sie das Suizidrisiko erhöhen können.
Es ist daher durchaus nicht abwegig , die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, dass der absichtliche Absturz der Germanwings-Maschine durch das Antidepressivum , das der Copilot eingenommen hatte, ausgelöst wurde.
Dass die Medikation mit eine Ursache für den absichtlichen Flugzeugabsturz gewesen sein könnte, wird in der öffentlichen Berichterstattung aber überhaupt nicht betrachtet. Es scheint so, als wenn jede Diskussion in diese Richtung von vornherein im Keim erstickt werden soll. In einem Beitrag auf Focus-Online äussert sich die Fachgesellschaft DGPPN hierzu wie folgt:
  • "...Es gibt keine Belege für den Zusammenhang von Antidepressiva und Gewalthandlungen. Besonders SSRI dämpfen Aggressionen eher.
  • Das Suizidrisiko scheint altersabhängig zu sein. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist es ausgeprägter als bei Erwachsenen über 25 Jahren.
  • Für Antidepressiva, besonders die neue Generation der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), ist zu Beginn der Behandlung eine engmaschige ärztliche Kontrolle nötig. Das soll verhindern, dass der gesteigerte Antrieb eines Patienten im Suizid endet.
Weiter heißt es dort :
 " ... Der Facharzt für Psychiatrie Andreas Meier-Lindenbetg hält die Diskussion über Suizidalität von SSRI für beendet. " Der Verdacht ist zumindest für Patienten außerhalb des Jugendalters widerlegt." Bis auf wenige Einzelfälle würden Antidepressiva Suizide verhindern, nicht begünstigen oder gar auslösen.."
 
Doch das ist totaler Bullshit! Wenn es tatsächlich so wäre, warum heißt es dann in der Fachinformation, dass in Studien an Kindern und Jugendlichen ein erhöhtes Risiko durch die Behandlung mit SSRI -Antidepressiva festgestellt wurde? Als dies ein Mitarbeiter der FDA bei der Untersuchung von Studien im Jahre 2004 festgestellt hatte, wollte man dies nicht an die Öffentlichkeit bringen. Der Mitarbeiter, Dr, Mosholder, der dies entdeckte, durfte die Ergebnisse seiner Untersuchungen nicht auf einer Sitzung präsentieren. Doch es sickerte dennoch an die Öffentlichkeit und die FDA-Oberen  hatten nichts besseres zu tun, als gegen denjenigen, der dies weitergegeben hatte, Anzeige zu erstatten. Denn es konnte ja nicht sein, was nicht sein durfte!
 
Auch die Behauptung, dass ein erhöhtes Risiko nur für Jugendliche und junge Erwachsene besteht, ist Blödsinn. Als dann die FDA das Suizidrisiko bei Erwachsenen im Jahre 2005 untersuchen ließ und dann die Ergebnisse im Dezember 2006 der Öffentlichkeit präsentierte, wurden nicht alle Daten aus den verfügbaren Studien berücksichtigt. Denn z-B. Pfizer hatte zunächst Daten präsentiert, in denen kein erhöhtes Risiko für erwachsene erkennbar war. Doch kurz vor der Sitzung hatte Pfizer weitere Daten zu dem SSRI Zoloft nachgereicht und die zeigten ein gänzlich anderes Bild: das Suizidrisiko bei Erwachsenen unter Zoloft war nun auf einmal doch nahezu doppelt so hoch wie in der Vergleichsgruppe (siehe z.B. http://davidhealy.org/where-were-the-adults/ oder auch https://dl.dropboxusercontent.com/u/76427940/Blog/Gegen_Pfizer/FDA/Pfizer_FDA_Advisory_Panel_Additional_Data_markiert.pdf  ). Doch leider  kam diese Nachmeldung zu spät und so wurde in der öffentlichen Sitzung der FDA vom 13.12.2006 nur die unvollständigen Daten zu Zoloft präsentiert. Man sieht also: Es ist alles Lug und Trug!
Wer glaubt eigentlich im Ernst, dass ein Risiko nur bis zu einem bestimmten Alter besteht? Lassen sie sich bitte nicht für dumm verkaufen und glauben Sie nicht diesen Mythos, dass für ältere Erwachsene kein erhöhtes Suizidrisiko durch SSRI Antidepressiva besteht!
 
 
Während also die Meinung der Vertreter der medizinischen Zunft, die immer noch jeden Zusammenhang von Suizidalität und Antidepressiva leugnen und jede Diskussion hierüber am liebsten beenden würden, in den Medien leicht Gehör finden, haben es die  Kritiker deutlich schwerer. So wurde beispielsweise ein Leserbrief eines bekannten und bedeutenden Facharztes für Psychiatrie,  der auf die Möglichkeit eines Zusammenhangs des tragischen Flugzeugunglücks und den Medikamenten, die der Copilot eingenommen hatte, aufmerksam machen wollte, erst gar nicht abgedruckt.
Hat es hierzu überhaupt einen Bericht in der Presse gegeben oder ist dies tabu?
Ich finde es überhaupt bedenklich, dass es in Deutschland den Piloten erlaubt ist, Psychopharmaka im Dienst einzunehmen.
Hierzu hat kürzlich David Healy auf seinem Blog einen interessanten Beitrag geschrieben (siehe http://davidhealy.org/winging-it-antidepressants-and-plane-crashes/.
 

Winging it: Antidepressants and Plane Crashes

Pilot
The crash last week of the Germanwings plane has shocked many.  In view of the apparent mental health record of the co-pilot Andreas Lubitz, questions have been asked about the screening policies of airlines.  The focus has generally been on the conditions pilots may have or the arguments they might be having with partners or other situational factors that might make them unstable.
Even when the issue of the medication a pilot may be taking is raised, as an article by Erica Goode in the New York Times makes clear it is in the context of policies that permit pilots to continue on drugs like antidepressants to ensure any underlying conditions are effectively treated.

Side-Effective 

Clearly if a drug is effective in clearing up an underlying condition, its use should make the pilot – or driver of a coach carrying 50 or more passengers – safer.  But fewer treatments in medicine are effective in this sense than people might think and even when effective they come with effects that need to be balanced against the likely effects of the underlying condition.
Doxycyline, for instance, a widely used medicine for acne and for malaria prophylaxis, can be very effective for acne.  But doxycycline can also make someone depressed, suicidal and homicidal, while acne doesn’t do this.
Other antibiotics like Levaquin and Cipro can cause a range of serious and enduring problems including psychosis but are ordinarily given for problems that are unlikely to compromise a pilot’s ability to fly and keep her passengers safe.

Antidepressant Effects

So what about depression?  The risks of suicide or homicide from mild to moderate depression or anxiety are almost nil.  Think of it this way – what we call depression today in nine cases out of ten was called anxiety 30 years ago before the development of the SSRIs and anxiety was not thought of as a significant risk factor for suicide or homicide.
Difficulties with a partner or at work can lead to precipitate action including suicide or homicide.  They can also lead to anxiety or depression but the anxiety or depression linked to these events don’t for the most part cause problems except in so far as sleeplessness on the one side or a sedative drug on the other might cause an accident.
Whatever the risks of suicide or homicide linked to such anxiety or depressive states might be, in clinical trials antidepressants close to double them – and not just in younger adults. They do so by causing psychosis, or by producing an agitation laced with suicidal or homicidal thoughts, or by producing an almost lobotomized state in which people will do things they would ordinarily never do, or by increasing blood alcohol levels if the person has had a drink.
GSK data suggest these drugs appear to make someone more likely rather than less likely to “act out” if they have just had a partner break up with them.  See Kraus – Clinical features of patients with treatment-emergent suicidal behavior following Paroxetine.
All of this has been relatively well known for decades.  We could have made things much safer by discussing the changes treatment can trigger openly much earlier and permitting patients and doctors to identify problems and find solutions – such as switching to a drug of a different class.  Doctors and patients have been left flying by the seat of their pants.

The Debate

There are likely to be a number of features to the current debate.
First an impression will be created that we know more about these drugs than we in fact do. 
We know almost nothing about what antidepressants actually do – we still don’t know what they do to serotonin.
Rather than being effective like an antibiotic, these drugs have effects – as alcohol does. Their primary effect is to emotionally numb. Patients on them walk a tightrope as to whether this emotional effect is going to be beneficial or disastrous.
We know even less about other drugs Lubitz might have been on such as mood-stabilizers.  These too can produce suicidality and homicidality but they have a different signature to that of antidepressants.  The trouble is that, unlike the case of the SSRIs, no doctor giving any patient a mood-stabilizer can tell them what to watch out for or what the timeframe of problems is likely to be.
Lubitz has been widely reported as having vision problems – see  Mail on Sunday. Antidepressants cause visual problems – see RxISK.  But there is little known about these problems.
Second there are a lot of powerful interests at stake.
Some of these will think nothing of playing the personality card in the case of Lubitz to create the impression this was all about his instability rather than an instability in him created by treatment.
Third these powerful interests employ the best public relations on the planet.
These companies will in a variety of ways play the card that anyone suggesting treatment may have been part of what went wrong are just conspiracy theorists.
Fourth efforts to manage the problem will be portrayed as effective. 
We will hear that the Federal Aviation Authority in the US only permits pilots to fly on a selected number of antidepressants when they have been stable on treatment for six months.  Sounds good.  But no mention of the problems that happen on withdrawal – which are as great as those that happen on starting.  See Antidepressant Withdrawal: A Prozac Story – on RxISK.  Prozac is one of the selected antidepressants.
Once treated with a drug, a pilot is never the same again.  Even if the underlying condition clears, he may not be able to stop.  The risks are not eliminated.  The only way to manage these risks is to have a close relationship between the pilot and her doctor in which the doctor is fully informed as to what the risks are – a doctor who acts like a pilot in the sense that she doesn’t take risks that will bring her down along with her pilot–patient.

Let them Burn

In lectures for several years  – see Professional Suicide, I have compared the roles of doctors and pilots saying that we are all safer flying than we are in the hands of our doctors because the pilot knows if the system isn’t safe and you die, she will also, whereas doctors can always and routinely do blame your condition or your circumstances.
This idea has now crashed into Andreas Lubitz and his doctors.  We are all wondering about Lubitz and what motivated him.  What about the doctors who may have unintentionally primed him?
At the moment it is difficult to see Lubitz as a victim but he may be.  His doctors may also be victims.  They may have joined a string of doctors who agonize over horrific events they are party to.
Treatment may not have precipitated what happened in this case but there are many people in the pharmaceutical industry who have known for a long time that something like this can happen on their medication and they have done nothing to put in place systems to manage these risks or to dismantle the system that gives rise to risks like this at a much greater rate than we should have to tolerate.
That corporations might do this is not a conspiracy theory. In the famous Ford Pinto case, a Ford executive made aware of risks that their car would lead to a regular number of drivers and passengers being incinerated each year – a problem that could have been inexpensively put right – famously wrote
The powers that be have been winging it for decades.

Donnerstag, 29. Mai 2014

IQWiG Pressemitteilung: Nur gucken, nicht anfassen: EMA-Nutzungsbedingungen für klinische Studiendaten impraktikabel

Nur gucken, nicht anfassen: EMA-Nutzungsbedingungen für klinische Studiendaten impraktikabel
Dr. Anna-Sabine Ernst Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)    
Daten dürfen nur am Bildschirm betrachtet werden / Vorzensur durch Hersteller 
        
Die europäische Zulassungsbehörde EMA (European Medicines Agency) erhält von Arzneimittelherstellern umfangreiche Daten aus klinischen Studien, auf deren Basis über die Zulassung neuer Arzneimittel entschieden wird. Um dieses Material der Wissenschaft und Entscheidungsträgern zur Verfügung stellen zu können, hatte die EMA 2013 einen Entwurf für einen Leitfaden zur Veröffentlichung von Daten aus klinischen Studien vorgelegt, der eine weitreichende Transparenz von Studiendaten vorsah.

An den anschließenden Konsultationen hat sich neben zahlreichen anderen Interessenten auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) intensiv beteiligt. Umso enttäuschender das Ergebnis, vor allem der Entwurf der Nutzungsbedingungen für die EMA-Schnittstelle, über die künftig jedermann auf die Daten zugreifen können soll.

Nur Lesen erlaubt

In der vergangenen Woche wurde bekannt, was die EMA am 12. Juni 2014 beschließen möchte. Demnach dürfen Interessenten die klinischen Studiendaten lediglich am Bildschirm betrachten . Untersagt sind dagegen das Herunterladen, das Abspeichern, die Bearbeitung, das Abfotografieren, das Ausdrucken, die Verteilung und die Übertragung der Informationen.

Diese Bedingungen machen jede wissenschaftliche Auswertung klinischer Studiendaten, beispielweise im Rahmen einer Nutzenbewertung, völlig unmöglich. Denn dazu muss man gewaltige Datenmengen – oft mehrere Tausend Dokumentseiten – nicht nur sichten, sondern auch markieren und sichern, aus verschiedenen Studien zusammenführen, biometrisch auswerten und mit Mitarbeitern austauschen können.

Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten in Kröpfchen?

Außerdem sieht der Entwurf vor, dass die Industrie im Rahmen ihrer Zulassungsanträge jeweils zwei Studienberichtsfassungen bei der EMA einreicht: eine vollständige, anhand derer die EMA über die Zulassung entscheidet, und eine unvollständige für die Fachöffentlichkeit.

Bisher wurde diskutiert, dass Einzeldaten, durch die vielleicht Patienten identifizierbar wären, vor der Veröffentlichung aus den Studienberichten gelöscht werden. Nun wird dieser Schritt auf Studienergebnisse erweitert, und die Vorgaben sind so vage formuliert, dass der Umfang der Schwärzung schwer absehbar ist.

Vollständige Daten sind unentbehrlich

„Angesichts der Erfahrungen, die wir in den letzten Jahren mit der Industrie gemacht haben, ist dieses Verfahren alarmierend“, so Jürgen Windeler, der Leiter des IQWiG. „Gleichzeitig zeigen unsere Erfahrungen aus der frühen Nutzenbewertung, wie wertvoll vollständige Studiendaten für die Diskussion um neue Medikamente sind. Daher überrascht uns dieser plötzliche Rückschritt, der aus unserer Perspektive einfach nicht nachvollziehbar ist.“

Beate Wieseler, Leiterin des Ressorts Arzneimittelbewertung im IQWiG, ergänzt: „Weder Fachpublikationen noch andere öffentliche Dokumente reichen an den Informationsgehalt der vollständigen klinischen Studiendaten heran, wie sie der EMA vorliegen. Daher haben wir den EMA-Entwurf von 2013 als großen Schritt in die richtige Richtung begrüßt. Die nun bekannt gewordene, überraschende Revision stellt dagegen nicht den geringsten Fortschritt gegenüber dem Status quo dar: Weder erhalten wir alle Daten, noch können wir abschätzen, wie viel uns vorenthalten wird und wie repräsentativ der Rest ist.“

Lebensqualität darf herausredigiert werden

Die EMA betrachtet zum Beispiel redaktionelle Eingriffe als legitim, bei denen Hersteller die Ergebnisse von explorativen Endpunkten, die für die Zulassungsentscheidung von untergeordneter Bedeutung sind, löschen. Solche Studienergebnisse bezieht das IQWiG regelmäßig in seine Bewertungen ein, da in ihnen häufig patientenrelevante Endpunkte wie die gesundheitsbezogene Lebensqualität untersucht werden, die in Publikationen in Fachzeitschriften häufig nicht berichtet werden.

„Wir reden hier über Studien an Menschen, die in der Hoffnung teilgenommen haben, dass mithilfe der gewonnenen Erkenntnisse bessere Therapien entwickelt werden“, so Wieseler. „Diese Erkenntnisse können nur dann für die Verbesserung der Patientenversorgung genutzt werden, wenn sie für alle öffentlich verfügbar sind. Nicht nur das IQWiG benötigt diese Studiendaten, sondern z. B. auch andere Wissenschaftler, die systematische Übersichtsarbeiten erstellen, oder die medizinischen Fachgesellschaften, die Leitlinien für die Behandlung von Patienten entwickeln.“

Stellungnahme im British Medical Journal

Ihre fachliche Kritik an der neuen EMA-Richtlinie haben Wieseler und ihre Kollegen in einer Veröffentlichung im British Medical Journal zusammengefasst, einer sogenannten Rapid Response. Darin machen sie deutlich, dass die jetzigen Pläne eklatant vom 2012 verkündeten Paradigmenwechsel der EMA – hin zur mehr Datentransparenz – abweichen. „Veröffentlicht“ könne man die EMA-Daten im Grunde nicht nennen. Denn: „Daten, mit denen wir nicht arbeiten können, sind nach wie vor verborgen – selbst wenn wir sie auf dem Bildschirm sehen.“

Pressekontakt:
Tel.+49 (0)221 – 35685-0
E-Mail » presse@iqwig.de

 

Sonntag, 25. Mai 2014

Pfizer knickt wegen Antidepressivum Zoloft ein und zahlt erstmalig in Deutschland Schadenersatz

PRESSEERKLÄRUNG     

Dormagen, 26. Mai 2014.

Nach jahrelangem Rechtsstreit haben die Kläger und das pharmazeutische Unternehmen Pfizer einen Vergleich vor dem Oberlandesgericht Köln geschlossen.

Gegenstand des Vergleichs ist eine Klage auf Schmerzensgeld und Schadenersatz gegen Pfizer bezüglich des Antidepressivums Zoloft.

Die Mutter und Ehefrau der Kläger, Frau Monika Kranz, hatte sich im Jahr 2005 das Leben genommen, nachdem sie das Antidepressivum Zoloft eingenommen hatte. Für die behandelnde Ärztin wie für die Kläger war ihr Suizid vollkommen unerwartet und ohne vorherige Anzeichen. Nach Ansicht der Kläger war das Medikament Zoloft die auslösende Ursache für den Suizid und beschuldigten das Unternehmen Pfizer, das Suizidrisiko jahrelang verschwiegen und verschleiert zu haben. Denn obwohl die amerikanische Aufsichtsbehörde FDA ein halbes Jahr zuvor sämtliche pharmazeutische Unternehmen in den USA verpflichtet hatte, auf der Verpackung auf das erhöhte Suizidrisiko der Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen hinzuweisen, enthielt die Packungsbeilage und die Fachinformation in Deutschland zu dieser Zeit keinen Hinweis. Die Kläger begründeten ihre Klage daher insbesondere auch mit der vorsätzlichen Verletzung der Instruktionspflichten nach dem Arzneimittelgesetz § 84 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 durch die Pfizer Pharma GmbH.

Möglich geworden ist der Vergleich letztendlich jedoch nur aufgrund der umfangreichen Berichterstattung in den deutschen Medien, insbesondere in der Frontal21 Dokumentation „Das Pharmakartell“ und in der ARD-Reportage Die Story: „Gefährliche Glückspillen“ und aufgrund der Auskunft bei der Aufsichtsbehörde. Die hierdurch bekannt gewordenen Unterlagen - insbesondere des Sachverständigengutachtens zur Zulassung von Zoloft in Deutschland im Jahre 1996- belegen, dass die Problematik des Suzidrisikos schon früh von der Beklagten erkannt wurde, man aber trotz dessen der Ansicht war, dass ein Hinweis in der Packungsbeilage nicht erforderlich sei.



Für den Schadenersatzprozess war dies aber unerheblich, denn von der Beklagten wurde argumentiert, dass nicht das Medikament sondern die Grunderkrankung der Depression den Suizid ausgelöst hat und daher die mit der Novellierung des Schadenersatzrechts im Jahre 2002 eingeführte Kausalitätsvermutung des §84 Abs. 2 Satz 2 nicht gilt. Die Kläger hätten dann beweisen müssen, dass andere Ursachen den Schaden nicht verursacht haben können. In vergleichbaren Fällen sind die Kläger regelmäßig hieran gescheitert. In einem Leiturteil zu Vioxx hat der BGH festgestellt, dass die Einführung der Kausalitätsvermutung wegen der Ausschlussmöglichkeit in vielen Fällen wirkungslos bleiben dürfte.

Nach unserer Kenntnis ist seit Einführung der Neuregelung kein einziger pharmazeutischer Unternehmer verurteilt worden. Die Neuregelung hat daher zu keiner Verbesserung der beweisrechtlichen Situation von Arzneimittelgeschädigten geführt. In den USA hat der Hersteller des Arzneimittels Vioxx im Vergleichswege 6,87 Mrd. US $ gezahlt. In Deutschland werden sämtliche Vioxx-Geschädigten, spätestens nach dem BGH-Urteil vom 26.03.2013 vor Gericht keine Chance mehr haben. Auch die deutsche Bayer AG musste in den USA nahezu eine Milliarde an Schadenersatz wegen des erhöhten Thromboserisikos des Verhütungsmittels Yasmin leisten, während in Deutschland kein Kläger je etwas erhalten hat.

Vor diesem Hintergrund muss der erzielte gerichtliche Vergleich und das Nachgeben des pharmazeutischen Unternehmens schon als großer Erfolg gewertet werden. Denn zum ersten Mal hat in Deutschland ein pharmazeutisches Unternehmen wegen eines Antidepressivums einen Vergleich geschlossen und Schadenersatz gezahlt. Über die Höhe der Entschädigung wurde Stillschweigen vereinbart. Weitere Auflagen bestehen nicht.

Dormagen, 26.05.2014


Dr. Lothar Schröder