Donnerstag, 17. März 2016

Andrew Herxheimer (04.11.1925 - 21.02.2016)


Traueranzeige in der Süddeutschen Zeitung vom 05.03.2015


Liebe Leser,

wie ich kürzlich erfahren habe, ist Andrew Herxheimer vor Kurzem gestorben.
Ich bin ihn einmal in London begegnet, als wir im April 2006 bei der European Medicine Agency (EMA) die Rapporteurs Beriche zu Zoloft eingesehen haben.

Mit ihm verliert die Welt einen wichtigen kritischen Geist.

Er soll einmal gesagt haben:
"..In my many years of encounters with pharmaceutical companies, I cannot recall one that I would wish to praise for its behaviour..."

Jörg Schaaber von der Pharma-Kampagne hat im Pharma-Brief (März 2016) über ihn geschrieben:

"... Prof. Dr. Andrew Herxheimer , kürzlich im Alter von 90 Jahren verstorbener klinischer Pharmakologe. Er war Mitbegründer von Health Action International und führend in der Gründung der International Society of Drug Bulletins, zwei Netzwerke, in denen auch die Pharma-Kampagne aktiv ist . Andrew war unabhängige Information zu Arzneimitteln stets ein Herzensanliegen. Dabei war ihm die ausgewogene Darstellung von Nutzen und Schaden und das Benennen von Therapiealternativen genauso wichtig wie PatientInnen zuzuhören und ihnen eine informierte Entscheidung zu ermöglichen. Er war für uns ein wichtiger Wegbegleiter, von dem wir viel gelernt haben. Wir werden ihn vermissen, aber seine Botschaften leben weiter. Dafür wird sich die Pharma-Kampagne auch künftig einsetzen. (JS) ..."









Freitag, 22. Januar 2016

Der Kontrollverlust

Im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise und den Ausschreitungen zu Silvester in Köln ist immer wieder vom Verlust der staatlichen Kontrolle die Rede. Was ist von einem Staat zu halten, der weder seine Außengrenzen wirksam schützen kann noch die weibliche Bevölkerung  gegen sexuelle Übergriffe?  Versagt hier nicht der Staat auf eklatante Weise?

Auch auf anderen Gebieten lassen sich zahlreiche Beispiele finden, die aufzeigen, dass  staatliche Behörden ihren Aufgaben nicht mehr gerecht werden und dadurch die staatliche Ordnung und auch die Gesundheit jedes Einzelnen gefährdet wird. Ein Paradebeispiel hierzu ist der jüngste Abgasskandal bei VW um erhöhte Stickoxide, durch die die gesamte deutsche Bevölkerung einer erhöhten Gesundheitsgefährdung ausgesetzt wird. Was tut das Ministerium, um den angerichteten Schaden zu begrenzen oder wiedergutzumachen?  Werden die Umstände des Skandals vom Ministerium aufgeklärt oder eher verschleiert? Mir scheint, ihre einzige Sorge ist die vor den wirtschaftlichen Folgen für den Standort Deutschlands und nicht so sehr der Schutz der Gesundheit der Bevölkerung. Wenn man liest, dass die Kommission des Verkehrsministeriums, die vom Minister Dobrindt kurz nach Bekanntwerden des Skandals eingesetzt wurde, nahezu ausschließlich aus Vertretern  des Ministeriums und des Kraftfahrtbundesamtes besteht und somit als industriefreundlich bezeichnet werden kann, dann bestätigt dies genau meinen Eindruck. Die jüngste Anzeige er Deutschen Umwelthilfe gegen das Kraftfahrtbundesamt wegen Untätigkeit ist da nur folgerichtig, wird aber wahrscheinlich nicht viel erreichen, da die Staatsanwaltschaften in Deutschland dem Justizministerium unterstellt und weisungsgebunden sind. Die Politik jedoch wird alles erdenkliche unternehmen, dass der Skandal keine Folgen für das Unternehmen haben wird.

Ähnlich verhält es sich auch bei der Arzneimittelaufsichtsbehörde BfArM und dem Gesundheitsministerium: Auch dort wird auf wirksame Kontrolle und Einhaltung der Gesetze verzichtet,  auch wenn es um gravierende Verstöße bei der Zulassung von Arzneimitteln geht. Dies gilt sogar dann, wenn die Aufsichtsbehörde durch Anzeige hierauf hingewiesen wird, wie ich leider selbst erfahren musste.
Durch Akteneinsicht bei der Aufsichtsbehörde in die Zulassungsstudien des Medikamentes Zoloft , einem modernen Antidepressivum der Gruppe der Selektiven Serotonin Wiederaufnahmehemmer (SSRI)  hatte ich entdeckt, dass das Suizidrisiko im Zulassungsantrag verschleiert und so der Eindruck erweckt wurde, das Medikament sei sicher und wirksam. Doch statt nur 15 Fälle schwerer Nebenwirkungen zu Suiziden, Suizidversuchen und suizidalem Verhalten unter Zoloft in klinischen Studien wie im Zulassungsantrag und Zulassungsgutachten genannt wurden, hatten sich tatsächlich zehnmal so viele Fälle ereignet. Die unterschiedlichen Anzahlen resultierten dadurch, dass bei der Bewertung des Suizidrisikos in den Zulassungsunterlagen und Gutachten nur die Fällle gezählt wurden, in denen die Ärzte einen kausalen Zusammenhang vermutet oder für möglich erachtet hatten. Da aber in 90% der Fälle nach deren Ansicht andere Ursachen bestanden hatten, wurden diese Fälle einfach nicht mit berücksichtigt. Wenn man weiß, dass die Firmen, die diese Zulassungsstudien im Auftrag der Pharmaindustrie

Lobbyisten die Gesetze schreiben und bestimmen, wo es langgeht, kann man dann noch dem

Freitag, 2. Oktober 2015

Germanwings-Copilot und Batman-Shooter : Der ausschlaggebende Auslöser Antidepressiva?

Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/45/45869/1.html

Amok: Der ausschlaggebende Auslöser Antidepressiva?



12.09.2015

Der Psychiater David Healy zum "Medikamentenaspekt" des Amokflugs 4U95254 und bei Amokläufern


Am 24. März hat den Ermittlungen zufolge der Co-Pilot Andreas Günter Lubitz auf seinem Amokflug 4U9525 den Germanwings-Airbus A320 bewusst gegen einen Berg geflogen - eine Wahnsinnstat, die insbesondere für die Opfer, aber auch für ihre Angehörigen an Horror kaum zu überbieten ist. Knapp fünf Monate später wurde in Haltern am See auf dem Kommunalfriedhof eine Gedenkstätte im Beisein der Angehörigen der Opfer eingesegnet. Ein wichtiger Baustein der Trauerarbeit ist damit gelegt, doch damit derlei Katastrophen der Welt in Zukunft möglichst erspart bleiben, wäre es von zentraler Bedeutung, die Ursache(n) dingfest zu machen.
Der international renommierte Psychiater David Healy legt im folgenden Interview dar, warum Medikamente wie Antidepressiva bei Amokläufen wie dem von Lubitz und oder auch dem von "Batman Shooter" James Holmes, der in den USA kürzlich zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, ein entscheidender Auslöser sein können. In diesem Zusammenhang konstatiert auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) auf Nachfrage[1], dass "die DGPPN ein hohes Interesse hat an einer Aufklärung des Germanwings-Falles, in der die Medikamenten-Aspekte mit beachtet werden".

"Es gibt so viele von diesen Massentötungen durch Leute, die Psychopharmaka genommen haben"

Herr Healy, welche Gedanken und Gefühle kamen zuerst in Ihnen hoch, als Sie von dem Amokflug der Germanwings-Co-Pilot Andreas Lubitz hörten?

David Healy: Ich war sehr betroffen und hatte großes Mitgefühl mit den Opfern und ihren Angehörigen. Und als klar war, dass es sich um einen "Kamikaze"-Akt handelte, gehörte zu meinen ersten Gedanken die Frage, ob nicht ein Antidepressivum oder ein anderes Psychopharmakon hier im Spiel war. Kurz darauf habe ich meine Gedanken dazu in dem Artikel Winging it: Antidepressants and Plane Crashes aufgeschrieben.

Welches sind die gewichtigsten Argumente für Ihre These, dass Antidepressiva oder Medikamente mit vergleichbaren Nebenwirkungen die entscheidende Ursache gewesen sein könnten für Lubitz‘ Wahnsinnstat?

David Healy: Ohne dass man exakt weiß, was Andreas Lubitz insbesondere in den ein bis zwei Wochen vor dem Crash an Medikamenten eingenommen hat und was sein klinischer Zustand war, ist es schwierig mit Sicherheit zu sagen, dass die Präparate die Ursache für das Unglück waren. Doch feststeht, dass die Medikamente, die er offenkundig eingenommen hat, Menschen dazu veranlassen können, zu Mördern und Gewalttätern zu werden und einen Massenmord in Erwägung zu ziehen.
Es gibt so viele von diesen Massentötungen durch Leute, die Psychopharmaka genommen haben, dass es fast sicher ist, dass in einigen dieser Massentötungen diese Medikamente in der Tat eine Rolle gespielt haben bzw. spielen.

Können sie diese Aussage mit wissenschaftlichen Studien untermauern?

David Healy: Die FDA hat eine beträchtliche Menge an Daten über das Potenzial von Antidepressiva, gewalttätig zu machen. Auch haben etwa die kanadischen Aufsichtsbehörden genau eine solche Warnung bereits verfügt.[2]
Ich selber habe im Jahr 2006 zusammen mit Kollegen eine Arbeit publiziert, die aufzeigt, dass es kontrollierte Studiendaten gibt, die belegen, dass bestimmte Antidepressiva - so genannte Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, kurz SSRIs - gewalttätig machen können. Auch habe ich 2013 in einem Beitrag auf meiner Website eine Liste mit Dutzenden Medikamenten veröffentlicht, die Selbstmorde oder Tötungsdelikte auslösen oder verursachen können.

Welche Medikamente werden in dieser Liste genannt?

David Healy: Darunter befinden sich die bekanntesten Antidepressiva wie Prozac und Paxil, Antipsychotika, so genannte Benzodiazepine wie Valium, die auch als Angstlöser oder Beruhigungsmittel bezeichnet werden, Anti-Raucher- und Anti-Asthma-Medikamente, Antihistaminika oder auch Arzneimittel mit stimulierender Wirkung wie Ritalin.

Sind die Medikamente auf Basis persönlicher Erfahrungsberichte in Ihre Liste gelangt?

David Healy: Nein. Sie sind in der Liste aufgeführt, entweder weil Unternehmen dazu verpflichtet sind zu melden, dass die Präparate einen Suizid auslösen können, oder weil es überzeugende Beweise dafür gibt, dass sie in der Tat Selbstmord provoziert haben. Und wahrscheinlich gibt es noch viel mehr Medikamente, bei denen einige Regierungsbeamte und Mitarbeiter von Unternehmen Kenntnis darüber haben, dass sie Suizide auslösen können - worüber aber Stillschweigen bewahrt wird.

Wie häufig kommt es statistisch gesehen bei SSRI-Antidepressiva zu Gewalt als Nebenwirkung?

David Healy: Mehr oder weniger genauso oft wie es zu Selbstmord als Nebenwirkung von Antidepressiva kommt. Bis zu eine von zehn Personen können suizidale Gedanken und bis zu eine von 20 Personen können gewalttätige Gedanken haben, die sie nicht hätten, wenn sie die Antidepressiva nicht nehmen würden. Die Quote für die begangenen Suizide und Gewaltakte liegt deutlich darunter - bei 1 von 500 oder mehr.
Im Juni berichtete Brice Robin, Staatsanwalt in französischen Marseille, dass Lubitz in den Wochen vor seiner Wahnsinnstat unter dem Einfluss stand von einer Übermedikation aus Anti-Angst-Medikamenten, so genannten Anxiolytika, bei denen es sich wohlgemerkt häufig um Antidepressiva handelt, sowie Valium und anderen Psychopharmaka. Lubitz hätte etwa das Antidepressivum Mirtazapin genommen und deren Dosis zwei Wochen vor dem Crash von 15 auf 30 mg verdoppelt.

In der Produktbeschreibung von Mirtazapin heißt es allerdings, dass in Kurzzeitstudien bei Personen, die älter waren als 24 Jahre, keine erhöhte Suizidgefahr ermittelt werden konnte[3] - und Lubitz war bei seinem Amokflug 27.

David Healy: Es gibt überzeugende Belege in Form von klinischen Studien dafür, dass Mirtazapin das Suizidrisiko erhöht - und zwar bezogen auf alle Altersgruppen, wobei die Daten für die 40-, 50- und Anfang 60-jährigen zum Beispiel genauso solide sind wie die für die unter 25-jährigen.

Und wie wäre dann die Produktbeschreibung zu Mirtazapin zu erklären?

David Healy: Die Medikamentenhersteller verwenden sehr viel Sorgfalt darauf, in ihren Produktbeschreibungen die Dinge auf eine Art und Weise zu formulieren, dass die Aufmerksamkeit von ihren Produkten weggelenkt wird. Dies scheint oft eher das primäre Ziel zu sein, als Ärzte und Patienten solide zu informieren. Dabei behaupten die Unternehmen auch gerne, es bestünde nicht die Notwendigkeit, Daten anzuführen, solange die Daten nicht statistisch signifikant seien. Doch durch diese Vorgehensweise lassen sie Datenmaterial außen vor, das einen sehr klaren Anstieg des Suizidrisikos aufzeigt - wie dies etwa bei den Daten zu Mirtazapin der Fall ist.

"Zusammenhänge nicht nur bei Affekthandlungen, sondern auch bei geplanten Akten"

Ein Einwand gegen die These, dass Antidepressiva wie SSRIs oder vergleichbare Medikamente gewalttätig machen oder gar zu Wahnsinnstaten wie die von Andreas Lubitz führen können, ist, dass gesagt wird, sie könnten allenfalls Taten, die im Affekt begangen werden, begünstigen, aber nicht solche, die geplant worden sind, so wie es bei Lubitz der Fall war.

David Healy: SSRIs stehen bei weitem nicht nur mit Affekthandlungen in Zusammenhang, sondern sehr wohl mit im Voraus geplanten Akten von Gewalt. Und es ist allgemein anerkannt, dass sie zu emotionaler Abstumpfung führen und dies macht es möglich, Dinge wie Mord in Erwägung zu ziehen, bei denen man normalerweise zu viel Angst hat, um sie ins Auge zu fassen.

Aber ist Lubitz da nicht eine Ausnahme von einer Person, die unter Medikamenteneinfluss einen Amoklauf im Voraus geplant hat?

David Healy: Nein, denn nicht nur Lubitz hat, wie berichtet wurde, seinen Kamikazeflug lange und umsichtig geplant. Viele Massaker in Schulen, Universitäten oder anderen öffentlichen Plätzen legen Zeugnis davon ab. So besagt etwa der Abschlussbericht zum "school shooting" von Adam Lanza, der am 14. November 2012 rund 100 km nordöstlich von New York seine Mutter sowie 20 Kinder und sechs Angestellte einer Grundschule und abschließend sich selbst erschoss, eindeutig, dass er seinen Amoklauf im Voraus geplant hatte, darunter auch seinen Suizid.
Oder nehmen wir den tragischen Fall von David Carmichael, der berichtet, dass bei ihm Selbstmordgedanken aufkamen einige Tage, nachdem er begonnen hatte, das SSRI-Antidepressivum Paxil zu nehmen. Drei Tage später begann er dann damit, seinen Suizid zu planen. Doch dann schwenkte er um und plante nicht mehr, sich selbst zu töten, sondern einen Mord zu begehen. Am 31. Juli 2004 brachte er schließlich seinen 11-jährigen Sohn um.

Der "Batman shooter" James Holmes

Gilt das auch für den Amokläufer James Holmes, der am 7. August zu lebenslanger Haft verurteilt wurde ohne Aussicht auf Bewährung?

David Healy: Kürzlich, Mitte Juli, befanden Geschworene in den USA "Batman shooter" James Holmes des Mordes ersten Grades für schuldig. Und einschlägige Quellen belegen, dass Holmes seinen Amoklauf systematisch geplant hatte, und zwar Monate im Voraus. Holmes erlangte unrühmliche Berühmtheit als "Batman Shooter", da er am 20. Juli 2012 in Aurora in Colorado bei einer Kinopremiere des Batman-Films "The Dark Night Rises" 12 Menschen getötet und 70 verletzt hatte.
Doch das Bild, was von Holmes in der Öffentlichkeit gezeichnet wird, ist nicht korrekt. Denn Holmes hatte keinen Plan, irgendjemanden zu töten, bis ihm sein Arzt am 21. März 2012 das SSRI-Antidepressivum Zoloft verschrieb. Dies geschah vier Monate vor seiner Wahnsinnstat. Und in dieser Zeit wurde die tägliche Dosis Zoloft stufenweise von 50 mg auf 100mg und schließlich auf 150mg am Tag erhöht. Und Holmes ging es nicht nur jedesmal schlechter, wenn er die Dosis verändert hat. Auch scheint es, dass bei ihm seine Pläne, anderen Menschen Gewalt antun zu wollen, genau dann begannen sich herauszukristallisieren, als die Zoloft-Dosis erhöht wurde.

Wie ist James Holmes mit der Situation umgegangen?

David Healy: Während er Medikamente wie das SSRI-Antidepressivum Zoloft genommen hat, hat er soweit er konnte versucht, andere auf seine speziellen Pläne, Menschen Schaden zuzufügen, aufmerksam zu machen - doch niemand hat die Veränderungen in ihm registriert. Holmes bezeichnet sich selbst als jemand, der eine manische Dysphorie[4] entwickelt hat - was eine gute Beschreibung einer durch Zoloft ausgelösten Akathasie, auch Sitzunruhe genannt, ist.
Auch berichtet Holmes von einer eindeutigen emotionalen Abstumpfung, die er bei sich wahrgenommen hat und die andauerte, nachdem er die Medikamenteneinnahme gestoppt hatte. Bei dieser Art von Absetzungserscheinung handelt es sich um ein gut dokumentiertes Phänomen.

Wann hat er aufgehört, Zoloft zu nehmen?

David Healy: Irgendwann um den 30. Juni 2012 herum, also rund drei Wochen, bevor er seinen Amoklauf vollzog. Wohlgemerkt stoppte er die Zoloft-Einnahme abrupt, und zwar von einer ziemlich hohen Dosis aus: 150 mg am Tag. Dabei war ihm auch nicht bewusst, dass Zoloft abhängig machen oder nach einer abrupten Absetzung Entzugserscheinungen hervorrufen kann. Durch das Absetzen von Zoloft wurde er verwirrt - und er war sowohl stärker als auch weniger stark depressiv. Auch wurde er emotional labil - er selbst redete in diesem Zusammenhang von einer dysphorischen Manie.
Und das verringerte Angstgefühl, das er verspürte, als er Zoloft nahm, bestand weiterhin, als er das Präparat absetzte. Viele Patienten erleben selbst viele Monate, nachdem sie ein SSRI-Antidepressivum abgesetzt haben, eine fortgesetzte emotionale Abstumpfung oder auch Depersonalisierung, also den Verlust oder die Abtrennung von den eigenen Gedanken und Gefühlen.
In einem Artikel der Nachrichtenagentur Associated Press vom 8. August heißt es allerdings, Holmes hätte einem Psychiater "erzählt, dass er schon seit seinem zehnten Lebensjahr heimlich von Mordgedanken besessen gewesen war".

 Das erweckt den Eindruck, dass in ihm das Potenzial einer Killermaschine schon in jungen Jahren angelegt war.

David Healy: Es ist nicht korrekt, dass Holmes bereits mit 10 Jahren von Mordgedanken "besessen" war. Bis kurz vor März 2012, als er in eine Klinik ging - was vier Monate vor seinem Amoklauf in Aurora im US-Bundesstaat Colorado stattfand -, wurde er von keinem Nervenleiden geplagt. Zu diesem Zeitpunkt war er 24. Erst als er im März 2012 Zoloft nahm, entwickelte er neue Gedanken mit dem Fokus darauf, die Möglichkeit spezieller mörderischer Taten durchzuspielen.
Diese Gedanken waren nicht dieselben wie die vagen Ideen davon, andere zu töten, die er zuvor hatte, wie ich auch in meinem am 15. August dieses Jahres veröffentlichten Kommentar zum Holmes-Fall darlege: "Der Mann, der denkt, er ist ein Monster: Sertralin [= Zoloft] und Gewalt."
Vor diesem Hintergrund könnte man sich fragen, wieso das Verteidigerteam von James Holmes nicht das SSRI-Antidepressivum Zoloft als möglichen Auslöser seines Amoklaufs vor Gericht ins Spiel gebracht hat, zumal es ja schon Gerichtsurteile gibt, bei denen Psychopharmaka wie Antidepressiva sozusagen "schuldig" gesprochen wurden für einen Suizid oder Mord (vgl. hier oder hier oder hier). Brian N. Connors, oberster stellvertretener staatlicher Pflichtverteidiger des Büros der staatlichen Pflichtverteidiger in Denver im US-Bundesstaat Colorado, ließ dazu auf Nachfrage[5] verlauten: "Weder Herr Holmes noch einer seiner Verteidiger wird mit Journalisten über den Fall reden."

Was könnte aus Ihrer Sicht der Grund dafür sein, dass Holmes‘ Anwälte die "Zoloft-Karte" nicht ausgespielt haben?

David Healy: Das Gesetz ist, was medikamentenbezogene Sachverhalte angeht, nicht eindeutig - und Rechtsanwälte sind, was diesen Punkt angeht, sogar noch verunsicherter. Für sie ist es schwierig, zwischen einer psychischen Erkrankung und medikamentenbedingten Zuständen zu unterscheiden - und sie wissen auch nicht, wie sie diese Dinge den Geschworenen erklären könnten.
Das Verteidigerteam von Holmes fokussierte sich darauf darzulegen, dass James Holmes seinen Amoklauf deswegen begangen hat, weil er eine psychisch kranke Person war, die einen psychotischen Zusammenbruch erlitten hatte. Dadurch entkam Holmes letztlich der Todesstrafe und wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Denken Sie, Holmes Anwälte hätten mehr für ihn erreichen können, wenn sie das SSRI-Antidepressium Zoloft als entscheidenden oder bedeutenden auslösenden Faktor für die Wahnsinnstat ins Spiel gebracht hätten?

David Healy: James Holmes hatte eine gute Verteidigung, was die Medizinaspekte angeht, doch weder das Gesetz noch das Rechtssystem bieten eine adäquate Grundlage für derlei Sachverhalte.
In dem erwähnten Associated-Press-Artikel heißt es auch: "Wie schon in vorherigen gerichtlichen Sitzungen zeigte Holmes, der unter dem Einfluss antipsychotischer Medikamente stand, die seine Antworten betäuben, keine Reaktion [,als das Urteil verkündet wurde]."

Doch wie kann es sein, dass Holmes mit Antipsychotika behandelt wurde, die sogar eine gehirnschädigende Wirkung haben und die "seine Antworten betäuben", wo man doch annehmen sollte, dass eine angeklagte Person nicht noch zusätzlich durch die Medikation "benebelt" werden sollte, um bestmöglich in der Lage zu sein dazu beizutragen, die Gründe für den Hergang eines Amoklaufs zu erhellen?

David Healy: Das Problem ist hier, dass es der behandelnde Arzt ist, der darüber entscheidet, welche Medikamente gegeben werden - die Anwälte haben hier nur geringes Mitspracherecht. Ich sah keinen klinischen Grund, bei Holmes die Behandlung mit diesen Medikamenten fortzusetzen.

"Es muss einen auslösenden 'Umweltfaktor' geben für die 'modernen' Amokläufe"


Doch wenn Medikamente wie SSRI-Antidepressiva Menschen dazu veranlassen können, sich selbst zu töten oder gar Massentötungen zu begehen, warum ist in solchen Fällen niemandem im Vorwege etwas aufgefallen, was das Verhalten der Täter angeht?

David Healy: Im Gegensatz zu Alkohol oder Drogen wie LSD lassen Antidepressiva die Patienten nicht notwendigerweise verhaltensauffällig werden. Tatsächlich verhalten sich viele Menschen, denen Antidepressiva verabreicht werden, im Wesentlichen normal. Und selbst bei der Erstellung eines Persönlichkeitsprofils erscheinen sie als "normal".
Nehmen wir das Beispiel von Tim Kretschmer, der bei seinem Amoklauf im Jahr 2009 in Winnenden in der Nähe von Stuttgart 15 Menschen und schließlich auch sich selbst tötete. Der damals 17-jährige hatte unter einer Depression gelitten und Medikamente erhalten und war in diesem Zusammenhang in klinischer Behandlung.[6] Dennoch war, wie Medien berichteten, selbst den Schulpsychologen nichts aufgefallen, ja sie kamen gar zu dem Ergebnis, dass Tim für sein Alter ein "normaler Schüler" gewesen sei.

Der Konsum von Psychopharmaka und insbesondere Antidepressiva hat in Deutschland und anderen Industrieländern stark zugenommen. In den USA nimmt mittlerweile sogar jeder Vierte - insgesamt fast 80 der knapp 320 Millionen Amerikaner - psychoaktive Arzneimittel ein, und ungefähr die Hälfte davon - rund 41 Millionen Bürger - nehmen Antidepressiva. Müssten wir nicht, wenn Psychopharmaka tatsächlich mit Amokläufen in ursächlicher Verbindung stehen, noch viel mehr solcher Wahnsinnstaten erleben?

David Healy: Die Zahl derjenigen, die als Täter in solch irrsinnige Tötungsdelikte involviert sind, hat ja in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Und Phänomene wie willenlose Erschießungen an Schulen, Universitäten oder militärischen Einrichtungen, bei denen kein krimineller Hintergrund wie Raub erkennbar ist, gab es vor den 1980er Jahren praktisch nicht - jedenfalls bei weitem nicht in dem Ausmaß, wie wir es insbesondere in den vergangenen 20 bis 30 Jahren erlebt haben.
Folglich muss es hier einen auslösenden "Umweltfaktor" geben für diese "modernen" Amokläufe. Im Übrigen ist zum Beispiel auch bei den US-Streitkräften die Selbstmordrate stark angestiegen und hat ein Rekordniveau erreicht - und parallel dazu hat unter den Soldaten der Konsum von Antidepressiva drastisch zugenommen, darunter von bekannten Präparaten wie Prozac, Zoloft, Paxil, Celexa und Lexapro.

Bei welchen Patienten können die Gewaltprobleme besonders beobachtet werden?

David Healy: Es ist wichtig zu berücksichtigen, dass die Patienten, die am stärksten dazu beitragen, dass mittlerweile so viele Menschen Antidepressiva nehmen, diejenigen sind, die süchtig sind nach diesen Präparaten. Derzeit sind nicht weniger als neun von 10 Menschen, die jedes Jahr Antidepressiva einnehmen, von diesen Medikamenten abhängig. So rührt der insbesondere in den USA während der vergangenen ein oder zwei Jahrzehnte zu beobachtende Anstieg von Menschen, die Antidepressiva nehmen, von denjenigen her, die am Ende eines jeden Jahres die Medikamenteneinnahme beibehalten.
Dies tun sie meist deshalb, weil sie süchtig nach den Pillen sind. Doch diese Gruppe von Patienten ist nicht diejenige, bei der mörderische oder Selbstmordgedanken auftreten. Denn durch Antidepressiva bedingte Gewalt ist in der Regel dann zu beobachten, wenn mit der Einnahme der Präparate begonnen wird oder wenn es durch das Absetzen zu Entzugserscheinungen kommt. Das heißt, man muss sich anschauen, wie häufig Tötungsakte oder Massentötungen zu einer bestimmten Zeit sind - und das dann nicht etwa mit der Zahl der Patienten vergleichen, die in einem konkreten Jahr Antidepressiva nehmen, sondern eben mit der Zahl derjenigen, die die Einnahme gestartet oder mit Absetzungserscheinungen zu kämpfen haben.
Während es heute nicht viel mehr Patienten gibt, die mit der Einnahme von Antidepressiva beginnen, als Mitte der 1990er Jahre, so ist sehr wohl die Zahl die Antidepressiva-"Neulinge" im Laufe der 1980er Jahre markant gestiegen, vor allem in den USA - und diese Zunahme korrespondiert mit dem dortigen starken Zuwachs an Massentötungen ohne speziellen kriminellen Hintergrund wie Schul- oder Kinomassaker in den 80er Jahren. Seit den 1990er Jahren ist die Zahl dieser jährlich zu beobachtenden Massentötungen dann mehr oder weniger konstant.

Gegenläufige Expertenmeinungen


Ist eine vergleichbare Parallele auch bei Flugzeugunglücken bzw. bei Amokflügen von Piloten zu beobachten?

David Healy: Lubitz hatte offenkundig das Problem, dass er von der Idee besessen war, er müsse die medikamentöse Behandlung unbedingt fortsetzen, um nicht seinen Job zu verlieren. Und wenn die betroffenen Menschen durch ihre Ärzte oder die Umstände dahin getrieben werden, die medikamentöse Behandlung unbedingt fortzusetzen, obgleich die Therapie eigentlich nicht wirklich zu ihnen passt, dann ist damit die Grundlage dafür gelegt, dass die Situation irgendwann eskalieren kann.
Im Übrigen gibt es gute Belege dafür, dass amerikanische Absturzermittler bei einer bedeutenden Zahl von Flugzeugunglücken, bei denen die Piloten unter dem Einfluss von Antidepressiva gestanden hatten, den Medikamenten eine gewisse Mitschuld gaben. Allerdings war dies nur bis zum Jahr 2010 so. Denn in diesem Jahr wurde es offiziell genehmigt, dass Piloten Antidepressiva nehmen dürfen. Und seither hören wir nichts mehr über Flugzeugabstürze, bei denen darüber nachgedacht wird, ob Antidepressiva ursächlich eine Rolle gespielt haben könnten.

Der Psychiater Rainer Holm-Hadulla von der Universität Heidelberg zum Beispiel sagt jedoch auf Nachfrage, dass "es durch nichts belegt oder wahrscheinlich gemacht ist, dass Antidepressiva gewalttätiges Verhalten deutlich begünstigen" - und seiner Meinung nach sei es auch "höchst unwahrscheinlich", dass derart "massive Gewalttaten durch solche Medikamente bedingt werden".[7]

David Healy: Wenn die Medien darüber berichtet hätten, dass Andreas Lubitz "Straßendrogen" wie Amphetamine, Kokain oder LSD genommen oder sogar reichlich Alkohol getrunken hatte, bevor er ins Flugzeug stieg, dann hätten viele Menschen - darunter auch etliche Ärzte - wohl keine Probleme gehabt mit der Vorstellung, dass diese Drogen die maßgebliche Ursache für die Katastrophe waren oder zumindest entscheidend zu ihrer Entstehung beigetragen haben.
Das heißt, Ärzten und anderen widerstrebt es in erster Linie deswegen daran zu denken, dass die Medikamente die Probleme ausgelöst haben könnten, weil eben von Psychopharmaka die Rede ist - und dies, obgleich derlei Medikamente ziemlich identisch sind mit den illegalen Drogen, die in den 1960er Jahren vor allem deswegen verboten wurden, weil sie aggressiv und gewalttätig machen und andere problematische Verhaltensweisen verursachen können.

Der Psychiater Henning Saß, Vorsitzender des Beirats der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), sagt aber auf Nachfrage, dass ihm während seiner "jahrzehntelangen Patientenbehandlung" im Zusammenhang mit SSRI-Antidepressiva "Nebenwirkungen in Form von Gewalthandlungen nicht bekannt geworden sind".[8]

David Healy: Das klingt außergewöhnlich. Nehmen wir das Beispiel der BBC, die im Rahmen ihrer investigativen Sendung Panorama über den Themenkomplex SSRI-Antidepressiva, Gewalt und Suizide berichtete - und darüber, wie Firmen versuchen, hier Probleme unter den Teppich zu kehren. Die Reaktionen auf die Dokumentation mit dem Titel "The Secrets of Seroxat" - das SSRI-Antidepressivum Seroxat ist auch unter dem Handelsnahmen Paxil bekannt ist - waren beträchtlich.
Inwiefern?

David Healy: Die Redaktion erhielt 1.374 E-Mails von Zuschauern, die meisten davon waren Patienten. Und einem meiner Forscherkollegen, Andrew Herxheimer, war es gelungen, diese Zuschriften in ihrer Gesamtheit zu analysieren. Demnach brachten viele Einsender ihre emotionalen Ausbrüche, ihre gewalttätigen Gedanken und Gewaltakte oder ihr selbstverletzendes Verhalten mit dem SSRI-Antidepressivum Paroxetin, also Paxil, in Verbindung - und zwar sowohl bei Beginn der Einnahme als auch dann, wenn die Dosis verändert wurde.
Dabei handelte es sich wohlgemerkt nicht um bloße anekdotische Erzählungen, denn die Analyse zeigte klar auf, dass ein Zusammenhang bestand zwischen dem gewalttätigen Verhalten und der verabreichten Medikamentendosis. Auch waren es persönliche Berichte über Gewalttaten von Patienten, die keine erkennbare Historie gewalttätigen Verhaltens hatten.
Darüber hinaus stand die Analyse im Einklang mit einer Auswertung von Berichten über gewalttätige Gedanken und Gewaltakte oder Selbstverletzungen bei der Einnahme von Paroxetin bzw. Paxil, die Ärzte an die Aufsichtsbehörde für Arzneimittel in Großbritannien, die MHRA, gemeldet hatten.

Warum machen Medien Psychopharmaka nicht zum Thema?


Wenn aber die Sachlage so klar ist, wieso machen dann selbst Medien wie die New York Times, der britische Guardian oder auch der Spiegel, die sich selbst als höchst investigativ einstufen, nicht Psychopharmaka zum Thema, wenn es darum geht, den Ursachen von Amokläufen à la Lubitz oder James Holmes auf die Spur zu kommen?

David Healy: Eine sehr gute Frage, die nach Antworten verlangt. Zunächst würde ich dazu sagen, dass der investigative Journalismus tendenziell langsam agiert, wenn es darum geht, das Konzernestablishment in Frage zu stellen - so geschehen etwa bei Themen wie Bleivergiftungen oder bei den Machenschaften der Lebensmittelindustrie. Die Sachlage bei einem bestimmten Fall muss schon sehr zwingend sein, bevor sich ein Journalist konkret an ihn heranmacht.
Dies gilt insbesondere auch für Medizinthemen - nicht zuletzt auch deswegen, weil auch Journalisten ja letztlich nur normale Menschen sind. Und die allermeisten von ihnen haben nach wie vor die Vorstellung verinnerlicht, Medikamente seien gewissermaßen "Magic Bullets", also "Wunderpillen", wie es etwa der Harvard-Forscher Allan Brandt in seinem Buch No Magic Bullet beschreibt.

Ist die erwähnte BBC-Dokumentation über Seroxat bzw. Paxil das einzige Ihnen bekannt Beispiel von einem größeren Medium, das sich an den Themenkomplex Psychopharmaka und Gewalt herangetraut hat?

David Healy: Nein. Erst kürzlich, am 14. Juli, berichtete die FAZ über die Auffälligkeit, dass die meisten jungen Amokläufer in Amerika, darunter der erwähnte "Batman shooter" James Holmes, unter dem Einfluss nebenwirkungsreicher Medikamente wie Antidepressiva stehen.
Auch der US-Neurochirurg Sanjay Gupta berichtet 2012 in seiner Eigenschaft als leitender Medizinkorrespondent von CNN darüber, was dahinter stecken könnte, dass junge Menschen zu regelrechten Killermaschinen werden. Aufhänger war das Massaker des 20-jährigen Adam Lanza, bei dem ja insgesamt 28 Menschen ums Leben kamen. Laut Gupta gelte es, die Frage zu bedenken, unter Einfluss welcher Medikamente er gestanden habe. "Wir reden hier im Speziellen über Antidepressiva", so Gupta.
"Wenn man sich die Studien anschaut und auch die anderen Amokläufe dieser Art, die geschehen sind, dann waren die Medikamente ein gemeinsamer Faktor. Und sie können zu erhöhter Impulsivität führen, zu vermindertem Urteilsvermögen und dazu, dass jemand den Kontakt verliert zur Realität."
Doch gerade bei "school shootings" wie dem von Adam Lanza wird ja argumentiert, dass Schusswaffen und der Zugang zu selbigen das Hauptproblem darstellten.

David Healy: Massentötungen gehen leichter mit einer Schusswaffe, doch Antidepressiva stehen auch mit grausamen Morden in Verbindung, die mit Messern oder anderen Tötungsinstrumenten begangen wurden. Abgesehen davon lag die Zahl der Morde, die in den USA mit Schusswaffen begangen worden sind, 1970 genauso hoch wie 2004, doch während 1970 rund 200 Millionen Menschen in den USA lebten, waren es 2010 in etwa 300 Millionen.
Relativ betrachtet gab es in den USA also vor vier bis fünf Jahrzehnten mehr Morde mit Schusswaffen als heute, aber praktisch noch keine Amokläufe mit Schusswaffen. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist auch eine Studie des Pew Research Center aus dem Jahr 2013, die aufzeigt, dass Morde und Gewalttaten, bei denen Schusswaffen verwendet wurden, in den Vereinigten Staaten in den vergangenen 20 Jahren deutlich zurückgegangen sind. Doch gerade in diesen zwei Dekaden ist die Zahl der Massenerschießungen ohne kriminellen Hintergrund stark angestiegen.
Zwar verfügte die US-Arzneimittelzulassungsbehörde FDA - die Food and Drug Administration - im Jahr 2004, dass auf den Beipackzetteln von Antidepressiva noch mal explizit, und zwar in Form einer so genannten Black-Box-Warnung[9], vermerkt wird, dass sie die Suizidgefahr erhöhen.[10] Doch für eine erhöhte Gefahr für Gewalthandlungen oder gar Tötungsdelikten hat die FDA bis dato noch keine solche Black-Box-Warnung angeordnet. Grund: Es gebe keine Daten, die einen solchen Warnhinweis rechtfertigen würden, so die FDA auf Nachfrage.

David Healy: Beweise dafür, dass Antidepressiva Gewaltakte auslösen können, existieren zweifelsohne.

Wie aber ist dann die fehlende FDA-Verfügung zu erklären?

David Healy: Vielleicht hat die FDA den Schluss gezogen, dass es in den USA politisch unmöglich ist, eine Anhörung über einen Zusammenhang von Antidepressiva und Gewalttaten abzuhalten. Und abgesehen von den Daten aus klinischen Versuchen liefert nicht zuletzt auch das FDA-eigene freiwillige Meldesystem für Medikamentennebenwirkungen, die so genannte MedWatch-Datenbank, solide Beweise dafür, dass Antidepressiva und Gewaltakte in Verbindung stehen.

Inwiefern?

David Healy: Ein Team um den Harvard-Psychiater Joseph Glenmullen wertete in einer Studie diese MedWatch-Datenbank aus: Im Ergebnis entstand eine Liste von 31 Medikamenten, in deren Zusammenhang bereits über Fälle von Gewalt gegen andere Personen berichtet wurde, darunter auch viele Tötungsdelikte. 25 der 31 Medikamente waren Psychopharmaka, wiederum elf davon Antidepressiva. 

Das Präparat, das auf dieser Liste Platz 2 belegt und somit am zweithäufigsten mit Gewalttaten in Verbindung gebracht wurde, ist das SSRI-Antidepressivum Fluoxetin, das unter dem Handelsnamen Prozac bekannt ist. Paroxetin, ein anderes SSRI mit dem Handelsnamen Paxil, belegt Platz 3. Sprich, wenn die FDA ihr eigenes Datenmaterial anschauen würde, würde sie fundierte wissenschaftliche Belege dafür finden, eine entsprechende Black-Box-Warnung zu verfügen.

In diesem Zusammenhang machen Experten darauf aufmerksam, dass nicht einmal 1 Prozent aller ernst zu nehmenden unerwünschten Arzneimittelschäden berichtet werden. Kann man also schlussfolgern, dass die Zahl der Gewaltakte und Tötungsdelikte, die mit Medikamenten wie SSRI-Antidepressiva in Zusammenhang stehen, in Wirklichkeit 100 mal oder zumindest sehr viel höher liegt, als von den Statistiken ausgewiesen?

David Healy: Es ist wahr, dass die überwältigende Mehrzahl der Probleme, die Medikamente mit sich bringen können, nicht gemeldet wird. Und es stimmt auch, dass Probleme wie Gewalttaten oder asoziales Verhalten offenbar mit geringerer Wahrscheinlichkeit vermeldet werden, weil die Ärzte hier keine Verbindung herstellen. Aber es ist nicht möglich zu sagen, um wieviel größer die Problematik tatsächlich ist im Vergleich zu dem, was an Nebenwirkungen gemeldet wird.

Wie ist es dann zu erklären, dass Experte kürzlich sogar dafür plädierten, die 2004er Black-Box-Warnung der FDA, wonach Antidepressiva mit einem erhöhten Selbstmordrisiko verbunden sind, wieder zu streichen, weil diese "extrem fragwürdig und quasi bedeutungslos" sei?

David Healy: Die aggressive Kampagne mit dem Bestreben, diese Warnung auf den Beipackzetteln von Antidepressiva zu eliminieren, erinnern daran, wie Politiker und mächtige Wissenschaftler über Jahrzehnte die Gefahren von Substanzen wie Blei, Zigarettenqualm oder Asbest heruntergespielt bzw. negiert haben. Im Fall von Asbest zum Beispiel war es sogar so, dass es bereits um 1900 Hinweise auf dessen stark gesundheitsschädliches, um nicht zu sagen tödliches Potenzial gab. Generell verboten wurde der krebserregende Baustoff, der wohlgemerkt lange als "Wunderfaser" gefeierte worden war, aber erst rund 90 Jahre später.

"Gefühle von Wohlbefinden und Glück" - erfolgreiche SSRI-Antidepressiva?


Dennoch gibt es einen starken Glauben daran, dass gerade auch SSRI-Antidepressiva effektiv wirken. Es heißt, sie würden vor allem die Konzentration des Neurotransmitters Serotonin in der Gewebsflüssigkeit des Gehirns erhöhen und somit Gefühle von Wohlbefinden und Glück erzeugen.

David Healy: Die Beweise dafür, dass SSRIs wirksam sind, stammen nicht von kontrollierten Versuchen, sondern von solchen, bei denen die negativen Ergebnisse unveröffentlicht geblieben sind - wobei die publizierten Studien nahezu alle nicht von den genannten Forschern selber, sondern von Ghostwritern geschrieben wurden, die ungenannt bleiben und letztlich von Pharmafirmen bezahlt werden. De facto gibt es keine wirklich solide Studie, die die Wirksamkeit von SSRIs aufzeigt.
Der Eindruck von der Wirksamkeit, den die Menschen haben, stammt daher, dass die Medien dies ständig so berichten. Und was SSRIs in Bezug auf die Konzentration des Neurotransmitters Serotonin in der Gewebsflüssigkeit des Gehirns tatsächlich machen, ist in Wahrheit gar nicht bekannt, wie ich auch noch mal ausführlicher in meinem Artikel über Serotonin und Depression aufgezeigt habe, der kürzlich im Fachmagazin BMJ erschienen ist.

Das Magazin Time zum Beispiel hat über Ihren BMJ-Artikel berichtet. Doch darin wird Victor I. Reus, Professor für Psychiatrie an der University of California in San Francisco, mit folgenden Worten zitiert: Er denke, dass SSRIs "in vielen Fällen außergewöhnlich erfolgreich sind."

David Healy: Tatsächlich gibt es keine Studie, in der nachgewiesen werden konnte, dass ein SSRI-Antidepressivum wirksam ist. Es gibt zwar Untersuchungen, in denen ein gewisser Nutzen aufgezeigt werden konnte, doch das geschah lediglich auf Basis so genannter rating scales, bei denen ein Untersucher mithilfe von Fragenbögen auf einer Punkteskala beurteilt, wie schwer ein bestimmtes Symptom bei einem Patienten ausgeprägt ist. 

Das ist mit einer klinischen Studie nicht gleichzusetzen. Es gibt keine Studien, die belegen, dass es die SSRI-Antidepressiva waren, die die Betroffenen wieder arbeitsfähig gemacht oder gar Leben gerettet haben. Wenn Leute darüber berichten, dass sie sich besser fühlen, wenn sie SSRI-Antidepressiva nehmen, so ist das ungefähr damit gleichzusetzen, wenn Menschen erzählen, sie würden sich besser fühlen durch den Konsum von Alkohol oder die Einnahme von Amphetaminen.

Mentale Störungen als ursächlicher Faktor


Etablierte Psychiater scheinen auch viel eher die Karte der Persönlichkeitsstörung zu spielen, wenn es zu Amokläufen kommt. Der Psychiater Holm-Hadulla etwa stellte in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung die These auf, der Germanwings-Amokpilot Lubitz könnte unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gelitten haben, wodurch in ihm ein "kalter Hass" entstanden sei, der ihn schließlich zu seiner Tat, die mit einem "terroristischen Anschlag vergleichbar" sei, verleitete. Auch wenn Holm-Hadulla auf Nachfrage[11] konzediert, seine These sei nur eine "mehr oder weniger plausible Vermutung", ist es nicht sinnvoll über derlei psychische Störungen als auslösenden Faktor nachzudenken?

David Healy: Zunächst sehe ich hier erneut das Problem, dass die harten Fakten, die zur potenziellen Rolle von Medikamenten bei solchen Taten vorliegen, nicht in Betracht gezogen werden, während die Medien und Experten andererseits nicht zögern, sich in Spekulationen über mentale Störungen als ursächlichen Faktor zu ergießen. 

Im Übrigen hat Lubitz nach den Informationen, die mir vorliegen, nicht unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gelitten, denn er scheint nicht die typischen Verhaltensweisen an den Tag gelegt zu haben, die mit einer solchen Störung einhergehen. Dazu zählt etwa, dass man übermäßig damit beschäftigt ist, andere zu beeindrucken, um von ihnen bewundert zu werden.

Wie steht es mit einem möglichen Einfluss von Alkohol oder anderen Drogen?

David Healy: Lubitz dürfte auch nicht unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen wie LSD gestanden haben, wobei die Untersuchungen diesbezüglich auch keine Hinweise ergeben haben. Doch ohne Frage sollten bei der Ursachenforschung alle Theorien in Betracht gezogen werden. Solange wir nicht wissen, unter welcher Art von mentaler Störung Lubitz genau gelitten hat, ist es unmöglich, sich hier exakt zu äußern.

Gibt es denn solide Studien, die aufzeigen, dass psychische Leiden wie eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, eine Depression oder eine bipolare Störung als wesentlicher auslösender Faktor für einen Amokflug oder ein Schulmassaker in Frage kommen?

David Healy: Studien dieser Art existieren nicht. Und narzisstische Persönlichkeitsstörungen zum Beispiel lösen auch nicht solche Wahnsinnstaten aus.

Wenn man also alle zur Verfügung stehenden Fakten analysiert, sehen Sie dann, dass es noch eine andere plausible Erklärung geben kann für die Wahnsinnstat von Lubitz als die, dass er unter dem negativen Einfluss von Psychopharmaka wie SSRI-Antidepressiva gestanden hat?

David Healy: Nicht wirklich.

Kritiker sagen, dass die Psychiatrie voll ist von Interessenkonflikten, also voller Verbindungen zur Pharmaindustrtie. Wie schwerwiegend ist das Problem - und trägt es dazu bei, dass Psychiater zögern, die "Medikamenten-Karte" auszuspielen, wenn es zu Wahnsinnstaten wie der von Andreas Lubitz kommt?

David Healy: Das ist ein Faktor, und in der Tat hat die Psychiatrie ein Problem mit ihrer Nähe zur Pharmaindustrie. Man denke nur an den Umstand, dass die Altersbezüge der meisten Ärzte wahrscheinlich von der Performance der Pharmaaktien abhängen. Das heißt, dass die Pharmafirmen in Schwierigkeiten geraten, liegt nicht in ihrem Interesse. 

Was wir besonders bräuchten, sind Mediziner, die gewillt sind, eine gute medizinische Versorgung zu leisten, anstatt nur nach den Richtlinien von Gesundheitsmanagern zu agieren - und die sich dafür stark machen, dass die Nicht-Einnahme von Medikamenten eine Möglichkeit darstellt.

In Ihrem Artikel über Lubitz - Winging it: Antidepressants and Plane Crashes -, den Sie zu Beginn dieses Interviews erwähnten, führen Sie aus, dass viele Leute in der Pharmaindustrie seit langem gewusst hätten, dass so etwas wie der Kamikaze-Crash von Andreas Lubitz passieren kann. Warum haben diese Leute bzw. Firmen dann keine entsprechenden Maßnahmen getroffen?

David Healy: Die Pharmaindustrie weiß seit geraumer Zeit, dass Antidepressiva und andere Präparate eine ganze Reihe von Problemen verursachen können - von Selbstmord über Tötungsdelikte bis hin zu Geburtsfehlern und Entzugserscheinungen. Und sie haben zahlreiche Mechanismen eingeführt, um Sicherheit zu gewährleisten - und zwar die Sicherheit der Unternehmen.

Sie betreiben ein Business, das mit dem Ziel agiert, diejenigen Risiken zu minimieren, die das Wohl des Unternehmen gefährden könnten - und das sind eben zuvorderst Probleme, die durch Medikamente entstehen können. Diese Sicherheitspolitik steht im Widerspruch zur Sicherheit der Patienten, die mit diesen Medikamenten behandelt werden, oder der unschuldigen Menschen, die zu Opfern werden von diesen unter Medikation stehenden Personen.

Pharmaindustrie und Produktabsicherung


Sie kritisieren auch, dass viele Leute aus der Pharmaindustrie nichts dafür getan haben, ein System zu installieren, mit dem das Risiko eines "Kamikaze"-Flugzeugabsturzes oder eines Schulmassakers gemanagt werden kann - und dass auch nichts dafür getan wurde, ein System auseinanderzunehmen, das derartige Risiken in viel größerem Ausmaß erzeugt, als wir es tolerieren dürften. Was für ein System würden Sie installieren?

David Healy: Die Pharmaunternehmen haben die Art, wie sie für ihre eigene Sicherheit sorgen, in außerordentlicher Weise perfektioniert - mit der Folge, dass es sehr schwierig ist, ihre Medikamente mit Problemen in Verbindung zu bringen und dadurch womöglich Geldzahlungen zu erwirken oder die Firmen zu blamieren. Wenn man die Techniken anwenden würde, die die Industrie benutzt, um ihre Produkte abzusichern, wäre es nicht möglich gewesen, auf erfolgreiche Weise den Zusammenhang von Medikamenten und Amokläufen oder -flügen mit all ihren dramatischen Konsequenzen zu ignorieren.

Können Sie spezifizieren, welche Techniken der Industrie zur Produktabsicherung Sie meinen?

David Healy: Die Unternehmen haben bereits vor langer Zeit gelernt, dass es im öffentlichen Diskurs gewissermaßen Wunder wirkt, wenn man zum Beispiel bei einer Thematik wie der, dass man ein Haus voller Kinder niedergebombt hat, einfach leugnet, man hätte etwas damit zu tun gehabt - und dann etwa die These hinterherschiebt: Wer weiß, ob die Kinder nicht mit Sprengstoff gespielt haben? Hier wird sehr kunstvoll vorgegangen.
Die Vorgehensweise des Pharmaunternehmens Grünenthal beim Contergan-Skandal, der Anfang der 1960er seinen dramatischen Höhepunkt erreicht hatte und der von Intransparenz, Leugnungen und Beschwichtigungen gekennzeichnet war, macht klar, dass selbst bei der Holocaust-Leugnung derartige Strategien angewendet werden. Ich halte Vorträge zu diesem Thema vor Fachgruppen. Darin geht es typischerweise darum, die Details offen zu legen, wie die Industrie unter dem Stichwort "Holocaust-Leugung" agiert.

Auch in heutiger Zeit passiert es allerdings, dass das System im Sinne des Endverbrauchers funktioniert. So gibt es ja sogar Gerichtsfälle, in denen ein Medikament gewissermaßen schuldig gesprochen wurde bzw. in denen Schuld von einer Person genommen wurde, die unter Medikamenteneinfluss etwa ein Tötungsdelikt begangen hat. Was waren hierfür die entscheidenden Punkte?

David Healy: Glück und der Wille, den Dingen auf den Grund zu gehen. Nehmen wir zum Beispiel den Fall eines 60-jährigen Mannes, der Episoden von Angst und Depressionen durchmachte. Diese verleiteten ihn wohlgemerkt nicht zu Selbstmordabsichten, aggressivem Verhalten oder anderen ernstzunehmenden verstörenden Handlungen. Doch dann begann sein Arzt damit, ihm das SSRI-Antidepressivum Prozac zu verabreichen.
Der Mann reagierte eindeutig auf das Präparat, indem er etwa aufgewühlt und ruhelos wurde und auch halluzinierte. Die Situation verschlechterte sich sogar innerhalb von drei Wochen, obwohl er zusätzlich das Psychopharmakon Trazodon und den Betablocker Propranolol verschrieben bekam, und zwar mit der ursprünglichen Absicht, dass dadurch die Nebenwirkungen des SSRI-Antidepressivums Prozac minimiert würden.

Und bei ihm wurden die Medikamente dann nicht abgesetzt?

David Healy: Einige Jahre später verschrieb ihm ein neuer Hausarzt, dem die durch Prozac bedingten Nebenwirkungen nicht bekannt waren, das SSRI-Antidepressivum Paxil. Nur zwei Tage später nahm sich der Mann ein Gewehr und feuerte drei Kugeln ab, und zwar eine durch den Kopf seiner Frau, eine durch den Schädel seiner Tochter, die gerade zu Besuch war, und eine durch das Haupt seiner neun Monate jungen Enkeltochter - um sich anschließend selbst zu töten.
Drei Jahre später befanden die Geschworenen bei einem Prozess im US-Bundesstaat Wyoming, der von dem Schwiegersohn des Mannes initiiert worden war, dass Paxil "einige Menschen dazu bringen kann zu töten oder sich selbst umzubringen."

Und was passierte mit dem Macher von Paxil?

David Healy: Das Pharmaunternehmen SmithKline Beecham, das heute GlaxoSmithKline heißt, wurde zu 80 Prozent für die sich ergebenden Ereignisse verantwortlich gemacht.[12] Das urkundliche Beweismaterial beinhaltete eine nicht publizierte Unternehmensstudie, die bei 80 Patienten stark aggressives Verhalten dokumentierte, wobei es in 25 dieser Fälle zu Tötungsdelikten kam.

Im Zusammenhang mit dem Amokflug des Gemanwings-Co-Piloten Andreas Lubitz präsentierte die Europäische Flugaufsichtsbehörde EASA am 17. Juli einen Forderungskatalog. Demnach sollen sich Piloten während der Ausbildung oder auch bevor sie ihren Job antreten, psychologischen Tests unterziehen. Und das Blut der Piloten soll auf Spuren von Alkohol und Drogen getestet werden. Zudem diskutieren die EASA-Verantwortlichen auch die Möglichkeit, das Blut nach Spuren von Psychopharmaka zu untersuchen. Sind derlei Maßnahmen zielführend?

David Healy: Ich denke, diese Art von Tests sind irrelevant. Viele Menschen, die Antidepressiva nehmen, verhalten sich, wie gesagt, absolut normal, und auch bei der Erstellung von Persönlichkeitsprofilen werden sie ja als "normal" eingestuft. Solange also keine Akzeptanz dafür existiert, dass die Medikamente Probleme verursachen können, und es auch keine speziellen Fragen gibt, die darauf abzielen zu klären, ob die Präparate wirklich helfen oder Probleme verursachen, werden die Tests keine Hilfe sein.

Angehörige der Opfer der Germanwings-Katastrophe lehnen das niedrige Angebot der Lufthansa in Höhe von 25.000 € je Opfer ab und fordern - neben persönlicher Anteilnahme und einer Entschuldigung - einen Entschädigungsbetrag in Höhe von 200.000 € für jeden Toten. Nun will man sogar in den USA vor Gericht ziehen, wo Hinterbliebene gerne das Zehnfache der in Deutschland üblichen Beträge erhalten. Denken Sie, dass die Hinterbliebenen darüber nachdenken sollten, in diesem Zusammenhang die mögliche Rolle der Medikamente, unter dessen Einfluss Lubitz gestanden hat, juristisch ins Spiel zu bringen?

David Healy: Wenn ich ein Angehöriger eines der Opfer wäre und meinen würde, eine Pharmafirma hätte Daten zurückgehalten, die aufzeigen, dass ein bestimmtes Präparat das Risiko für einen solchen Amokflug erhöht - ich wäre sicherlich rasend vor Wut.

Nachtrag:
Wie der Focus kürzlich berichtete, hat der Berliner Anwalt Elmar Giemulla, der 39 Familien der Opfer vertritt, "einen Weg für eine Klage in den USA gefunden". Der Luftfahrtrechtler bereitet demnach "eine Kooperation mit US-Anwälten" vor, um den deutschen Branchenführer in Übersee auf viel höhere Entschädigungen zu verklagen als hierzulande üblich. Im Erfolgsfall, so US-Opferanwalt Michael Danko, "können die Familien jeweils mit Millionen von Dollar rechnen."
Normalerweise verhindert das Luftfahrtabkommen von Montreal, dass geschädigte Passagiere oder deren Hinterbliebene sich das Land mit den höchsten Schmerzensgeldtarifen für einen Prozess aussuchen können. Anwalt Giemulla ist sich indes sicher, dass er einen Pfad gefunden hat, "um die Fesseln des Montrealer Abkommens abstreifen zu können".